Mord auf Raten

„Gelebt,
gekämpft,
und doch verloren…“

Es war ein Samstag der mein Leben erschüttern sollte.
Es war ein Freitag der mein Leben verändern sollte.
Es war ein Ereignis, dass bis heute mein Leben bestimmt.

Vor 13 Jahren …

„Mir tut der Kopf so weh!“ Dieser Satz meines Vaters beunruhigte uns alle. Er war, abgesehen von Erkältungen, nie krank. Schmerzen kannte er nicht und KOPFschmerzen schon mal gar nicht. Da die üblichen Pillen nicht anschlugen wurde er wiederwillig, meine Mutter kann sehr hartnäckig sein, zum Arzt geschleppt. Dieser fand – nichts. Es folgte einer Tortur durch Fachärzte der Region, zittern, bangen und hoffen.

An einem Morgen des Wochenendes lag etwas in der Luft. Dieses „komische Gefühl im Bauch“, wenn man irgendwie weiß das etwas passiert oder nicht stimmt, lies mich nicht los. Ich gab im Wohnzimmer eine Erstausführung meines einen Monat zuvor belegten HipHop-Kurses, mehr um mich abzulenken und meine Eltern ein wenig aufzuheitern. (Ich war nicht die Beste Tänzerin, so das zumindest letzteres gelang.) Das Telefon klingelte und als das Gespräch beendet war, setzte meine Mutter alles daran uns aus dem Haus zu verbannen. Mein Vater war es dem ich schließlich den Wunsch erfüllte und mit meinem Bruder in die Stadt fuhr.

Wieder zu Hause herrschte eine merkwürdige Stimmung. So wie, wenn die Sonne scheint, die Blätter wehen, die Vögel fliegen, aber man kein einziges Geräusch wahrnimmt.
„Der Arzt war hier.“ erklärte mein Vater. Unter Aufbietung all seiner Kraft fügte er, nach einem kurzen Blickwechsel mit meiner Mutter, hinzu: „Ich muss sterben …“. Später erfuhren wir das er darum gebeten hatte es uns Kindern selbst zu sagen – und zwar sofort. In diesem Punkt war er fair, auch wenn das Wissen es nicht leichter machte, so bin ich ihm doch sehr dankbar dafür.
„Ich muss sterben. Ich muss sterben. Ich muss sterben. Ich muss…“ Noch heute hallen diese Worte in meinem Kopf wieder. Ich werde sie einfach nicht mehr los – und damit auch nicht die negativen Gedanken.
Ein herzzerreißender Blick meiner Mutter: „Euer Vater hat Krebs…“. Ich fühlte förmlich wie mir die Farbe aus dem Gesicht wich, meine Beine schwankten. „Nein!“ flüsterte ich vor mich hin und schüttelte leicht den Kopf. Es war bestimmt alles nur ein ganz schlimmer Traum, ich würde aufwachen und alles wäre in Ordnung. Aber ich wachte nicht auf …
Nach etlichen Wochen gab es endlich eine Diagnose und dann das: KREBS! Zwei Tumore hatten sich im Kleinhirn gebildet. Die beiden waren „positiv“, welch’ Ironie.
Ich fing an alles über diese Krankheit zu lesen was ich in die Finger bekam, von Fachbüchern, über Erfahrungsberichte. Ich sammelte jeden noch so kleinen Zeitungsschnipsel darüber. „Kenne deinen Feind.“ war schon immer einer meiner Grundsätze, nur war mir bereits klar das es diesmal nichts nutzen würde. Aber es war etwas das mir half, ein letzter Strohhalm an dem ich mich verzweifelt zu klammern versuchte.

Vor 14 Jahren …

Es war ein Freitagmorgen an dem ich verschlief. Damals hatte ich die Einstellung lieber gar nicht zu erscheinen, als zu spät zu kommen. Da der Unterricht längs in Gange war, suchte ich schnurstracks meinen Hausarzt auf. (Ich fehlte zumindest nie unentschuldigt!). Bereits beim Betreten der Praxis warf die Sprechstundenhilfe mir einen mitleidigen Blick zu. „Sehe ich diesmal etwa richtig krank aus?“ war mein erster Gedanke. (Ich hatte in kurzer Zeit gelernt wie ich so ziemlich alles, von Gesichtsfarbe bis Blutdruck an meine Bedürfnis anpassen konnte. Eine äußert praktische Begabung.) Im Wartezimmer überlegte ich mir dann, welche krankheit ich denn hätte. Ich entschied mich letztenendes für Magenprobleme, mit Übelkeit und Kreislaufproblemen. Daraus wurde dann fast immer eine Magen-Darm-Grippe diagnostiziert. Als ich dem Arzt gegenübersaß, kam ich jedoch gar nicht erst zu Wort. Er schüttelte nur den Kopf, sah mir mitleidig in die Augen und meinte: „Ich weiß gar nicht was ich für dich tun soll!“ Mein Herz raste, ich war ertappt! Doch dann: „Soll ich dir eine Krankmeldung ausstellen?“ Natürlich bejahte ich sofort. Eine komplette Woche stellte er das Attest aus – und übergab es mir den Worten: „Sag bescheid, falls du noch länger frei brauchst. Musst auch nicht herkommen, bring ich vorbei.“ Spätestens dies war der Punkt an dem meine Irritation in Angst umschlug. Ich machte mich so schnell wie möglich auf den Weg nach Hause…
Als ich die Wohnungstür öffnete stand meine Mutter, noch immer im Nachthemd, am oberen Ende der Treppe. Sie blickte auf mich herab, ein skurriles Bild, da ich bereits damals größer war. Meine Mutter sah blass und erschrocken aus. Sie fragte ob ich nicht in die Schule gefahren sei. Ich verneinte, hielt das Attest hoch und sagte das ich krank geschrieben sei – eine ganze Woche. Meine Mutter senkte kurz den Blick, sah dann tränenerfüllt wieder auf. Sie musste nicht mehr erklären … Ich lief die Treppe hinauf und nahm sie in den Arm. Am liebsten hätte ich sie nie wieder losgelassen…

Ich weinte, aber ich spürte keine wirkliche Trauer. Immer nur den Gedanken. „Du musst jetzt stark sein, deine Mutter braucht dich.“ So ersetzte ich alles emotionale durch rationales – und wurde von einer auf die andere Minute erwachsen. Mitten in der Pubertät (ich war grade 15, hatte meinen ersten Freund, eine neue Schule, …) verabschiedete ich mich von meiner kindlichen Freiheit. Was hätte ich auch anderes tun sollen? Irgendjemand musste alles zusammen halten. Meine Mutter war zu diesem Zeitpunkt nicht in der Lage und meinem Bruder war es schlichtweg egal.
Wie oft habe ich zu hören bekommen: „Herzliches Beileid“. Wie oft habe ich trocken schulterzuckend geantwortet: „Bringt ihn auch nicht wieder!“ und in Gedanken hinzufügt: „Verheucheltes Arschloch!“ Auch konnte ich, vom ersten Augenblick an, diese Sätze wie „Es ist besser so.“, „Jetzt hat er wenigstens keine Schmerzen mehr.“ und ganz besonders (in Bezug auf meine äußerliche Emotionslosigkeit) „Sie hat noch gar nicht richtig verstanden was passiert ist…“ nicht hören. Sie machten mich sogar aggressiv, was wussten DIE denn schon???

Es kam der Tag der Beerdigung, sowie das zweite – und bis heute letzte – Mal, dass meine Mutter mich über dem Tod meines Vaters hat weinen sehen. Wenn wir alleine sind, reden wir manchmal über vergangene Tage, aber nur über die Schönen. Immer bleibt ein friedliches Lächeln auf unseren Lippen zurück. Keine von uns redet über den Schmerz der uns seit über einen Jahrzehnt verbindet. Keine fragt nach Antworten, auf quälende Fragen. Und doch wissen wir beide um den Schmerz der jeweils Anderen. Auch wenn wir beide einen geliebten Menschen verloren haben, so hat uns eben dieser Verlust noch mehr zusammen geschweißt.
In einem unser Gespräche erfuhren wir das mein Papa, ihr Mann, uns beiden – unabhängig voneinander – ein Versprechen abgenommen hatte: Aufeinander aufzupassen! Wir beide nehmen dieses sehr ernst und verteidigen diesen Schwur gegen jeden und alles.
Meine Mum musst zudem noch versprechen wieder glücklich zu werden. Sie sei ja noch jung, sagte mein Vater, zu jung um alleine zu bleiben … Auch dieses Versprechen löste sie ein, wenn auch schweren Herzens.

Ich begann mir die Schuld am Tod meines Vaters zu geben. Die meiste Zeit war er zu Hause, das Wohnzimmer zum Pflegezimmer mutiert. Mein Zimmer war drei Türen entfernt und doch habe ich die letzten zwei Wochen seines Lebens nicht einmal mehr den Weg an seine Seite gefunden. Es war schlimm geworden, das Gesicht eingefallen, er spukte Blut, röchelte, … Ich konnte das alles einfach nicht ertragen, wollte es auch gar nicht sehen.
Als feststand das mein Vater sterben muss, bestellte er alle Freunde und Verwandten nach und nach zu sich. „Ich möchte das ihr mich so in Erinnerung behaltet, wie ich gelebt habe – und nicht wie ich vor mich hinwegstiere…“ erklärte er traurig. Eigentlich habe, auch ich, ihm nur diesen Wunsch erfüllt. Und doch: Immer wieder quält mich die Frage ob er noch einmal gekämpft hätte, wenn ich da gewesen wäre. Hätte es ihm Mut gemacht sich zu stellen und an unserer Seite alt zu werden? … Über ein Jahrzehnt, und manchmal auch heute noch, finde ich keine Antwort auf diese Frage. Doch dann dachte ich auch einmal in die andere Richtung: Wäre es nicht vielleicht schlimmer gewesen wenn ich da gewesen wäre? Hätte es meinen Eltern nicht das Herz zerrissen, zu sehen wie ich leide? Hätte mein Vater sich nicht vielleicht geschämt, das er keinen Arm zum halten mehr bieten geben kann? … ??? …
Ich werde wohl nie erfahren ob ich die richtige Wahl getroffen habe. Aber zumindest eines ist gewiss:
Ungestillte Sehnsucht nach einem geliebten Menschen.
Mögest du in Frieden ruhen. Ich liebe dich. @–}—-

Eine Antwort zu “Mord auf Raten

  1. Liebe Moonlight,

    vielen Dank für deinen Kommentar in meinem Blog, ich hab mich gefreut! Ich hab mich jetzt etwas umgesehen hier, bei dir und bin dann natürlich bei diesem Eintrag hängen geblieben. Du warst also auch schon mit dem Thema konfrontiert und hast nun Schuldgefühle. Vielleicht hilft dir meine Sicht der Dinge? Ich würde nicht wollen, dass mich meine Kinder sehen müssen, wenn die „Sache“ schlecht ausgeht. Ich denke, so wie du reagiert hast, war es für dich richtig, du solltest das nicht in Frage stellen müssen! Gegen die Krankheit kann man ab einem gewissen Punkt nicht mehr kämpfen und das Loslassen wird dann höchstens schwerer. Das was du in jungen Jahren erleben und ertragen musstest, tut mir sehr leid…

    Lg
    Sunny

    PS: Und lass dich nicht ärgern – bezogen auf den unsensiblen Kommentar zu deinem letzten Blogeintrag! 😉 Auch hier ist es wichtig Entscheidungen für sich selbst zu treffen und damit zu leben, niemand hat das Recht, das als richtig oder falsch zu werten!

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