Bücher (Rezensionen)

Marlboro pflasterten ihren Weg …

Martin Krist

Die Mädchenwiese

Verlag: Ullstein
Erscheinungsjahr: 2012
Seiten: 412

ISBN: 978-3-548-28353-1

~ Klappentext ~

Die alte Frau sieht alles kommen. Sie findet die grausam ermordeten Mädchen. Sie kennt ihren Mörder. Aber sie wird schweigen …
Der kleine Junge bangt um seine verschwundene Schwester, denn er hat etwas gesehen. Er will reden, doch niemand hört ihm zu…
Seit Alex Lindner vor Jahren seinen Dienst als Kommissar quittiert hat, lebt er zurückgezogen in der Provinz. Als auch hier ein Mädchen verschwindet, weiß er: Der Mann, den er damals vergeblich jagte, ist zurück. Diesmal muss er ihn fangen, denn der Blutzoll wird steigen.

~ Eigene Zusammenfassung ~

Finkenwerder (Berlin). Hier lebt Lisa, ein Teenagergirl mit normalen Fantasien, Träumen und ihrem kleinen Bruder Sam und ihrer ständig nörgelnden Mutter. Eine Frau erzählt von ihrem Leben in einer Bäckerei, ihrem Onkel der sie missbrauchte und einem Ehemann der sie aufs übelste misshandelte und dem gemeinsamen Sohn. Eines Abends macht Lisa sich zurecht um sich mit ihrem Freund zu treffen. Von ihrem Bruder verlangt sie das er schweigt, dafür verspricht sie ihm Anfang der Woche zurück zu sein. Doch nur einer von ihnen hält sein Versprechen … Als Sam langsam klar wird, dass seiner Schwester etwas passiert ist, will er helfen. Doch keiner der Erwachsenen hört ihm zu. Nicht einmal sein Onkel, der Polizist. So beschließt er selbst nach Lisa zu suchen.

Alexander Lindner war Polizist. Er hat inzwischen eine Gaststätte in Finkenwerder eröffnet, wo er erst vor einigen Jahren hinzog. Nebenbei stellt er hauseigne Spreewaldgurken nach einem alten Familienrezept her. Für dieses Rezept interessiert sich eine große Kette, genauso wie die eines nicht sonderlich beliebten Bauern. Nachdem Lisa verschwunden ist, bekommt Alex einen Brief von einem Mann, der behauptet sein Vater zu sein. Sie vereinbaren ein Treffen. Im Laufe der Zeit werden die Dinge immer mysteriöser und Alex sieht sich dem Grund wieder, weshalb er damals anfing zu trinken und den job als Polizist schmiss:

DER BESTIE …

~ Persönliche Meinung ~

Die Geschichte ist nicht neu: Ein Psychopart der Mädchen entführt, foltert und sie umbringt, dennoch hat Martin Krist hier etwas anders gemacht, denn es sind eigentlich mehrere Geschichten in einer: Zum einen die Gurkenproduktion, dann die Suche nach dem Vater und natürlich die verschwunden Mädchen. Auch wenn die Handlungsfäden zusammen laufen, so könnte man auch jede Geschichte für sich stehen lassen.

Leider war mir sehr schnell klar, wer der Mörder ist. Zumindest dachte ich dies. Aufgrund der Vorgeschichte, die der Leser erfährt (es wird aus zwei Sichten erzählt) lässt sich schnell kombinieren und die richtigen Schlüsse ziehen. Doch das „mein“ Mörder inzwischen eine andere Identität hatte, konnte ich nicht wissen. So war der Überraschungseffekt ganz auf Seiten des Schreibers – und ich vermutlich einen ziemlich blöden Gesichtsausdruck. 😉

In der Geschichte fielen mir drei Stellen auf, kleine Logikfehler:

Auf Seite 174 Beispielsweise:
Dort wird Lisa gefangen gehalten. In ihrer Zelle befindet sich nicht viel. Nur eine Matratze, ein Tablett mit Essen und einem Glas Wasser, sowie ein Topf für Exkremente. Widerwillig hockt sie sich auf den Topf. Da es kein Toilettenpapier gibt wischt sie sich mit dem Handrücken ab, diesen säubert sie mit der Hälfte des Wassers.
Hier frage ich mich warum Lisa, obwohl sie weiß dass sie keine Waschmöglichkeit hat, den Handrücken nutzt. Da dem Leser verraten wird das sie einen Slip und ein Kleid trägt, bestehen zwei andere Möglichkeiten: Entweder sie „schüttelt ab“ und zieht den Slip wieder hoch oder sie reißt ein Stückchen von ihrem Kleid ab. Immerhin weiß sie nicht wie lange sie noch eingesperrt sein wird oder wann sie das nächste Mal etwas zu Essen bekommt. Warum dann kostbares Wasser verschwenden?

Auf Seite 229 hat Berta, die jahrelang von ihrem Onkel missbraucht wurde, ihr „erstes Mal“ mit ihrem frischgebackenem Ehemann. Auf dem Laken findet sich neben Sperma auch Blut. – Von dem Missbrauch hat Berta ihrem Gatten nichts erzählt, insofern hatte sie wohl Glück, denn wie hätte sie sonst erklären sollen das sie keine Jungfrau mehr ist? Nur wo kommt das Blut her? – Ich habe dann einfach mal vermutete, dass es vom harten Sex kommt.

Ziemlich am Ende, die Seite habe ich leider nicht notiert, wird eine Frau, die grade erst ihr Kind geboren hat, im Keller festgehalten. Ihre Brust schmerzt, da ihr Kleines nicht bei ihr ist und sie nicht säugen kann. Mich wundert an dieser Stelle, dass sie nicht selbst Hand anlegt um die Schmerzen zu beseitigen, immerhin ist sie nicht gefesselt und könnte so ihre Brüste massieren und, wenigstens etwas, Milch und somit auch den Druck abbauen.

Der Schreibstil ist angenehm. Der Autor benutzt während des ganzen Romans keine komplizierten Fachbegriffe, sondern schreibt so wie die meisten wohl reden. Dadurch wird aber keineswegs der Anspruch genommen. Es hat noch immer Stil und durch einige Witze wird alles noch einmal zusätzlich aufgelockert. Krist schreibt flüssig, so dass ich dieses Buch zügig lesen konnte.

Ich lese gerne Bücher mit detaillierten und bildgetreuen Beschreibungen. Diese Aussage beziehe ich jedoch eher auf Vorgehensweisen, als auf jedes Detail in der Umgebung.
So heißt es, recht am Anfang ungefähr: „Sie schaut auf den grünen Sekundenzeiger der Uhr in Form einer Sonnenblume…“ (Ganz genau weiß ich den Wortlaut nicht mehr und leider hatte ich mir die Stelle nicht markiert.) Dieser grüner Sekundenzeiger hat mich wirklich währende des ganzen Romans nicht mehr losgelassen. Zwar wurde er nur ein einziges Mal erwähnt, doch scheinbar hatte mein Unterbewusstsein ihn als „wird vielleicht noch wichtig“ eingestuft. Wieso sonst, würde jemand etwas so genau wie möglich beschreiben? (Ohne die Spannung nehmen zu wollen, aber weder der Zeiger noch die Uhr führen zum Mörder. ;)).

Ebenfalls etwas unpassend fand ich die Markenplatzierungen, die sich durch den Roman ziehen. „Sie griff zu einer Marlboro.“ „Sie nahm die Marlboroschachtel vom Tisch.“ „Er reichte ihr eine Marlboro.“ „Sie… Er… Marlboro….“ Es kam mir schon vor, als gäbe es einen Sponsorenvertrag und alles Bezeichnungen für eine Zigarette wurden durch „suche & ersetzen“ ausgetauscht. Anfangs hatte ich mir sogar einen Spaß daraus gemacht und war schon versucht Wetten abzuschließen, ob auf den über 400 Seiten auch eine andere Zigarettenmarke erwähnt wird.
Wird sie übrigens tatsächlich, denn ein anderer Charakter bevorzugt scheinbar „Karo“.
Ich kann nicht nachvollziehen, welchen Sinneswandel es ab Mitte des Buches gab, doch da wurden aus Marlboros dann doch mal Zigaretten, Kippen oder ähnliches.

~°~ Fazit ~°~

Auch wenn dieser Roman keine neue story aufweist und (für mich) einige Logikfehler hat, so bleibt er doch bis zum Schluss spannend. Das Buch lässt sich zügig lesen und liefert tiefe Einblicke in die wichtigsten Charaktere, so dass man als Leser mitfiebern kann.
Ich kann euch dieses Buch mit gutem Gewissen empfehlen.

Die Mädchenwiese

*Update*

Auf Grund dieser Rezension (auch veröffentlicht auf anderen Portalen) meldete sich Martin Krist persönlich zu Wort:

„Hallo StMoonligth,
vielen Dank für Deine ausführliche Rezension. Es freut mich, dass Du Dich so detailliert mit dem Thriller auseinandergesetzt hast und dass er Dir gefallen hat.
Über zwei der von Dir erwähnten Logikfehler ließe sich vortrefflich streiten. Kann man so sehen, muss man aber nicht. Auf den dritten möchte ich allerdings kurz eingehen, den auf Seite 229: An einer vorherigen Stelle des Romans wird explizit erwähnt, dass der Onkel Berta auf verschiedenste Weise missbraucht, aber keinen vaginalen Sex mit ihr praktiziert, eben weil er Angst vor einem inzestuösen Kind hat. Insofern ist das erste Mal mit ihrem Mann tatsächlich das erste Mal für Berta.
Ach so, und einen Sponsorenvertrag habe ich (leider) nicht. 🙂 Ich sehe die Erwähnung von Markenartikeln auch nicht unbedingt als Werbeplatzierung, sondern als eine notwendige Beschreibung unseres Alltags, also eine Form, die Geschichte realistischer zu machen, indem meine Figuren Dinge konsumieren, die auch wir in unserem Alltag konsumieren: Marlboro, Cola light, Jever usw.
Beste Grüße
Martin Krist“

Scheinbar liesen ihn meine geschriebenen Worte nicht los, denn bereits einen Tag nach seinem Kommentar stieß der Autor auf seiner facebook-Seite eine Diskussion zu dem Thema Markenplazierung in Romanen an. 😉

https://www.facebook.com/MartinKristSchriftsteller 

KristFB

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