Erinnerungen, Miguel

Inoffizieller Antrag auf psychologische Betreuung

Diesen Beitrag gibt es heute einmal zeitversetzt, denn die „OP“ um die es hier geht liegt zwei Tage zurück. Danach lag ich nur „heulend“ auf dem Sofa, so dass ich erst jetzt in der Lage bin, euch meine Erlebnisse mitzuteilen. Jetzt heule ich nur noch. (Ich weiß ja, dass einige von euch UNBEDINGT alles von Zahnärzten wissen wollen. *lach*)

Ja, richtig gelesen: Es geht um eine Zahn OP. Wobei man ja irgendwie eher von einer „Extraktion“ sprechen muss. Zumindest stand diese „Bitte“ auf der Überweisung. Oder kur: Ich wurde eines Zahnes beraubt. Dieser Backenzahn machte mir seit Wochen Probleme. Die Wurzelentzündung wollte genau so wenig enden, wie die damit verbunden Schmerzen – In Kiefer und Kopf. Es half also alles nichts …DIGITAL CAMERA

Da ich aber

a) Angst vorm Zahnarzt habe,

b) Krankenhäuser lieber von Außen betrachte

c) und der letzte Chirug der an mir rumschnippelte, lachend mit einem Skalpell über mir stand,

habe ich

d) einen inoffiziellen Antrag auf psycholgische Betreuung bei meinem besten Freund gestellt. Was kurz heißt: Er musste mitkommen. (Da er während seiner Ausbilung auch Psychologie hatte, erschien mir das irgendwie sinnvoll. Praktisch äußerste sich das so, dass ich jede Menge sarkastische bis böse Sprüche an den Kopf geknallt bekam. Aber irgendwann wird er an meiner Stelle sein und meine Rache wird kommen … ;))

12:00 Uhr

Eigentlich wäre ich jetzt dran. Aber, wie es so ist, warten … Das Wartezimmer ist eher wie ein Wohnzimmer eingerichtet. Eine Sitzgarnitur aus Kunstleder mit Couctisch, geschwunkene Bänke mit dicken Polstern, … Der Raum ist voll von Weihnachtsdekoration. Über einem der Sofas entdecke ich einen Kunstdruck des „Germanischen Lyod“ und muss unwillkürlich lächeln, ist mir diese in den letzten Wochen ein wenig vertrauter geworden …

Im Wartezimmer ist nicht viel los. Schließlich kommt eine ältere Dame mit Kopftuch herein und setzt sich zu den Damen am anderen Ende des Raums. Wir bekommen mit, wie die Kopftuchträgerin versucht den anderen ein Gespräch aufzuzwingen. Sie klagt über Zahnschmerzen und über die Kälte, das Wetter und was ihr sonst noch so in den Sinn kommt. Innerlich atme ich auf, dass sie sich nicht zu uns gesetzt hat. – Und bekomme fast einen Schreikrampf, als sie genau das tut! Miguel entschwindet schnell, er wolle eine rauchen. Nun sitze ich da in doppelter Not. Wie kann es anders sein, auch an ihrem neuen Platz beginnt die Dame zu klagen und schließlich zu jammern und winseln. Ich reagiere nicht. Sie jammert lauter. Ich ignoriere sie. Sie spricht mit direkt an. Ich … betrachte das Betonwaschbecken in dem Architektenmagazin plötzlich in einem ganz anderen Licht. … Kurzzeitig hege ich der jammernden Kpftuchdame zu sagen, dass sie sich keine Sorgen machen braucht, da drin (*mit-dem-Finger-auf-den-Praxisraum-deute*) würde sie eh sterben. Danach wäre alles vorbei. … Ich verkneife es mir, denn sie hört endlich auf und stöhnt nur noch vor sich hin.

12:35 Uhr

Endlich! Das Warten machte mich schon halb wahnsinnig! Über eine Stunde musste ich warten – und genau das ist immer das Schlimmste. Ich will es einfach nur hinter mir haben… Nun ist es soweit und meine Freude hält sich in Grenzen. An der Wand des OP-Raumes hängt ein grüner Kranz mit schlichter roter Deko. Vermutlich handelt es sich um den versuch ein wenig Weihnachtsstimmung zu verbreiten. Angesichts dessen, dass das Objekt eher an einen Beerdigungskranz erinnert, gelingt es jedch nicht wirklich!

Auf dem Stuhl werde ich „vorbereitet“, mit Tuch über dem Gesicht und Vaseline auf den Lippen. Mein Atem geht kurz und stoßweise. Mein Herz klopft den Takt zu Doc„Highway to Hell“ … und die Assistentin fragt wie es mir geht!!! „Ehrlich? Ich würde grade gerne weglaufen!!!“ Kann sie verstehen, will aber nicht mit mir tauschen, obwhl ich mit (gespaltenen) Engelszungen auf sie einrede.

Eine gruselige aussehende Chirugin in Gesundheitsstuhen, die gut für die Wirbelsäule sind, betritt den Raum und stellt sich vor. Blöderweise kommt sie auf die Idee mir zu erzählen was alles SCHIEF GEHEN kann. Ich weiß das sie es mir sagen muss, ich WILL es aber GAR NICHT WISSEN!!! Frau Dokore redet irgendwas von „offenem Kiefer“, mein Verstand schaltet ab…

Während an, oder besser in mir rumgefummelt wird, ziehe ich mich in meine „Bibliothek“ zurück und beginne zu rechnen. 11=2, 2+2=4, 4+4=8, 8+8=16, 16+16=32, … (Bis 1943+1943 bin ich gekommen). Ich blende weitgehend aus, was um und in mir passiert. Erst als das Licht heller wird und die Ärztin mir mitteilt das sie mir kurz die Nase zuhalten müsse, komme ich in die (grausame) reale Welt zurück.

Wir müssen nur noch nähen, dann haben sie es aber gleich geschafft.“ Ich spüre den Zwirn in meinem Mund und muss unwillkürlich an einen Horrorfilm denken, in welchem dem Mädchen die Lippen und Augen zugenäht wurden … Mich schaudert und ich bemühe mich das letzte bisschen Mut und Selbstbeherrschung aus dem letzten Winkeln meines Seins zu kratzen. Als die Hände aufhören in mir rumzufummeln, warte ich sehnsüchtig auf das „Fertig“, doch stattdessen bekomme ich ein Gespräch mit: „Ich bräuchte mal bitte eine neue Nadel.“ – „Was ist mit der anderen?“ – „Einfach weggeflutscht.“ – „Wo ist die jetzt?“ – „Keine Ahnung.“ – „Wird irgendwo auf dem Boden liegen. Zum Glück haben wir ja mehrer davon.“ Mir wird schwindelig …

13:35 Uhr

.. und WEG!!!

Nachdem ich Krankschreibung, Rezept & Co. erhalten habe will ich nur noch eines: Ganz schnell raus und runter vom Krankenhausgelände! Begleitet von Miguel, der sich nun bei mir über die jammernde Dame beklagt, verfolgen wir diesen Plan. Da der Bus, laut Fahrplan, grade weg war, beschliessen wir zu Fuß zum Umsteigepunkt zu gehen. Durch den Nieselregen stapfen wir dahin – und werden vom Bus überholt, der offenbar Verspätung hatte …

14:10 Uhr

Mir reicht es. Als ich mitbekomme das der Bus bereits 1/2 Stunde Verspätung hat, gebe ich auf – und gehe zu Fuß. Vermutlich gab es ein skurieles Bildnis, als ich mit einem Roman in der einen Hand, an dem ich mich förmlich klammerte daherschritt. Besonders da sich in der anderen Hand, für jeden Sichtbar, eine Packung steriler Tupfer und Medikamente befanden und, wie ich Zuhause festellte, meine Lippen und Zähne noch blutverschmiert waren… (Und ich wunderte mich, warum man mich so angsterfüllt ansah. Na gut, vielleicht lag das auch daran, dass ich ab und an ein: „Sie sollten mal den Anderen sehen!“ zischte, wenn mich jemand anstarrte.)

Während meines Fußmarsches nach Hause fahren gleich 5 (!!!) Busse an mir vorbei … Zu diesem Zeitpunkt weiß ich noch nicht, dass einen Auffahrunfall mit vier Verletzten gab und die Straße komplett gesperrt war. Daher bin ich entsprechend verärgert.

15:00 Uhr

Ich liege auf dem Sofa, Katze auf dem Schoss. Wechsle einen Tupfer nach dem anderen aus – und bin kurz davor zur Zahnärztin rüber zu laufen, da es gar nicht aufhören will zu bluten. Es beunruhigt mich  …

17:00 Uhr

Über dem Hörbuch bin ich offenbar kurz eingenickt, obwohl es wirklich interessant ist. Die Erschöpfung des Tages fordert ihren Tribut. Die Betäubung hat gänzlich nachgelassen, die Schmerzen sind schier unerträglich. Ich greife zu den Schmerztabletten. Ohne das ich es will rinnen mir Tränen die Wangen herab … Unwillkürlich muss ich an die jammernde Frau im Wartezimmer denken. Was sie wohl neues zu klagen hat, wenn ihr ein Zahn „extrahiert“ wurde??? Gibt es eher neuen Stoff oder schmälert der Schmerz das Klagelied? …

18:55 Uhr

Die Blutung ist endlich gestoppt. Der Schmerz leider noch immer nicht … (Die Tabletten taugen nichts!)

Mein Magen knurrt. Sehsüchtig denke ich an das Linsenchillie, welches mein Göttergatte mir einst bereitete.  Die Rest stehen im Kühlschrank. Obwohl ich gut gefrühstückt hatte, ist mir inzwischen schn ganz schlecht vor Hunger. Aber ich traue mich einfach (noch) nicht … Stattdessen wage ich einen vorsichtigen Schluck Flüssigkeit. Nur einen ganz Kleinen, dann noch einen. Ich nippe eher, als das ich wirklich trinke. Es ist die erste Flüssigkeit seit heute Vormittag die ich zu mir nehme und ich fühle mich als wäre ich in der Wüste auf eine Oase gestossen! Obwohl das Getränk Zimmertemperatur hat (und ich bewusst keine Cola gewählt habe!) löst die Berührung der Wunde ein unangenehmes Gefühl aus.

20:00 Uhr

Mein Magen knurrt inzwischen Arien. Es klingt fast als würde er mir Vorwürfe machen. (Dabei würde es gar nicht mal schaden, wenn er weniger bekommen würde.) Ich nehme all meinen Mut zusammen. Vor mir lecker duftenes Chillie aus roten Linsen… Es ist anstrengend, aber das weiche Mahl lässt sich zumindest schlucken. Welch eine Wohltat!

Zahn

Das Übel wurde an der Wurzel gepackt, damit ich wieder kraftvoll zubeißen kann …

… bisher ….

… funktioniert dieser Plan jedoch leider (noch) nicht.

10 Gedanken zu „Inoffizieller Antrag auf psychologische Betreuung“

    1. Danke für die Genesungswünsche.
      Naja, angenehm ist der Besuch zwar nie, aber ohne würde wir früher sterben.
      Wäre ja auch irgendwie blöd. Da lässt sich nämlich so schlecht bloggen. 😉

      Gefällt mir

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